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Am Beispiel der HARMONIE in Frankfurt

Wie kleinere Kinos sich für ihre Besucher attraktiv und heimisch machen

v.l.n.r.: Hans Joachim Mendig, Geschäftsführer der HessenFilm und Medien GmbH; HARMONIE-Kino Geschäftsführer Christopher Bausch und Boris Rhein, Hessischer Minister für Wissenschaft und Kunst. Foto: Alexander Beygang
v.l.n.r.: Hans Joachim Mendig, Geschäftsführer der HessenFilm und Medien GmbH; HARMONIE-Kino Geschäftsführer Christopher Bausch und Boris Rhein, Hessischer Minister für Wissenschaft und Kunst. Foto: Alexander Beygang

Wer glaubt, ein Hessischer Minister für Wissenschaft und Kunst käme tagsüber nur ins Kino, wenn ein Neubau zu eröffnen wäre, der hat nicht mitbekommen, wie sehr in den letzten Jahren die hessische Kinobranche ein Steckenpferd von Boris Rhein geworden ist. Kein spielerisches, sondern ein ernsthaftes, denn dahinter stecken viel Geld und große Erwartungen.

 

Als nun Mittwochmittag das neugestaltete HARMONIE in Sachsenhausen, ein echtes traditionelles Kino, das ein Stammpublikum hat und neues dazugewinnt, als dieses offiziell wiedereröffnet wurde, war Boris Rhein dabei und konnte mit eigenen Augen erblicken, wohin die ministeriellen 100 000 Euro aus dem Topf der neu installierten Kinoinvestitionsförderung (insgesamt für 2018 und 2019 je 500 000 Euro) geflossen waren: an Wände, den Boden, an Kinosessel und einen völlig neu gestaltetes Entrée als Wohlfühloase vor und nach dem Kino. Kann schon sein, daß ein Besucher bei einem Drink – die Bar ist wohlbestückt – völlig vergißt, daß er eigentlich ein Kinoticket in der Tasche hat und stattdessen mit dem Nachbarn über den Film redet, bei einem zweiten Glas.

 

Das Ambiente von diesen Arthouse Kinos, wie sich die Programmkinos auch nennen, die in erster Linie gute Filme zeigen und den Massengeschmack aus Hollywood den großen Kinokomplexen überlassen, ist immer wichtiger geworden, seit das Kino als sozialer Ort wiederentdeckt ist, was es ja früher schon mal war. Es liegt einfach in der menschlichen Natur, nach einem Filmerlebnis vom anderen, auch vom Fremden, wissen zu wollen, wie es dem anderen gefallen hat, auch nachzufragen, ob die eigene Interpretation oder die Zuneigung genauso wie die Ablehnung vom gegenüber geteilt wird. Längst gibt es private Gruppen von Kinobesuchern, die sich vorher gemeinsam vorbereiten und sich danach dann über das Erlebte austauschen.

 

All das kann man nun großzügig im hinteren Eingangsbereich der HARMONIE tun, wo tagsüber natürliches Licht durch die Fenster strahlt, was eine eigene Geschichte ist, die Hausherr Christopher Bausch unserer Eröffnungsgruppe erzählte. Wobei wir beim Wörtchen Hausherr schon stutzen. Denn da gibt es eigentlich zwei. Christopher Bausch hatte vor wenigen Jahren das CINEMA an der Hauptwache (eigentlich am Roßmarkt) zusammen mit der HARMONIE übernommen. Am CINEMA hat er sozusagen das Renovieren, das Grundsanieren schon einmal geübt. Dort ist der Eingangsbereich noch kürzer, dafür aber an prominenter Stelle, denn mehr Innenstadt geht sozusagen nicht, man fiele ins CINEMA geradezu rein, wäre da nicht noch die Passage, die dann zusätzlich noch den Reiz des Versteckten im Getöse der Stadt hat.

 

Seine beiden Kinos, wir sprechen jetzt nur von den Frankfurtern Kinos, haben eigene Theaterleiter, weshalb Dimitrios Charistes eben auch Hausherr in der HARMONIE ist, was wir erst später mitbekamen, denn erst einmal hatte er alle Hände voll zu tun, den Gästen die Gläser zu füllen, bzw. die Kaffeetassen. Denn die, die das Sachsenhäuser Programmkino von früher her kannten, denen stand erst einmal der Mund offen, was sich hier im Foyer getan hat. Wir leben in anspruchsvollen Zeiten. Früher war man so auf die Filmleinwand gespannt, holte in der Schlange seine Kinoplätze und los!

 

Aber heute muß ein Kino, das seine Zuschauer, aus denen längst Gäste geworden sind, binden will, auch eine Atmosphäre schaffen, die mit Wohlfühlfaktor zu markttechnisch beschrieben ist, wie wir schon an denen, die einfach über gesehene Filme miteinander reden wollen, ausführten. Damit die HARMONIE einen solchen harmonischen Raum – kein Kalauer, eine HARMONIE, die Harmonie verbreitet, darauf kann man sprachlich nicht verzichten! – gestalten konnte, dazu brauchte es des Segens von oben. Wie weit oben, wissen wir auch nicht, aber ziemlich weit oben. Denn wir sitzen jetzt an den hübschen Tischen hinter dem Barbereich eigentlich in den früheren Büros der Commerzbank. Tatsächlich war der Nachbar die Commerzbank, deren Büros schon jahrelang leer standen, weshalb der Hausbesitzer ob des dringenden Wunsches des Kinobetreibers nach mehr Platz, ein Einsehen hatte und erst einmal Wände fielen, andere eingezogen wurden, damit diese Oase entstehen konnte.

 

Man kann sich gut vorstellen, daß für die Umgebung dieser Ort ein angesagter Treffpunkt wird, ob man nun ins Kino geht oder nicht. Für Betreiber kleinerer Kinos muß heutzutage so ein Getränke- und Speiseservice einfach sein, weil sie von den Kinokarten allein den Kinobetrieb nicht aufrecht erhalten könnten. Ein andermal wollen wir darüber berichten, daß die riesigen wöchentlichen Wagenladungen von Popcorn, das dann – süß oder gesalzen? - täglich vor den Filmen über die Theke geht, auch solchen Kinokomplexen wie dem METROPOLIS als eiserne finanzielle Lunge dienen.

 

Aber der stilvoll in warmen Farben gewandete Café- und Barbereich von ca. 60 Quadratmetern für 40 Sitzplätze ist ja nur ein Teil der Renovierung, bzw. Neugestaltung des Sachsenhäuser Programmkinos. Im Haus gibt es zwei Kinos. Oben das große mit über 200 Plätzen und unten gleich rechts das kleinere, mit früher 90 Plätzen. In diesem Raum ist außer den Brandmauern sozusagen kein Stein auf dem anderen gelassen worden. In einer Diashow zeigt Christopher Bausch den Entkernungsprozess und auch, wie auf der Abschlussparty die roten Kinosessel von den Partygästen abgebaut und nach Hause mitgenommen wurden. Die Tapeten, der Bodenbelag, die Leinwand, alles mußte raus und in die Wände und Decken wurde erst einmal eingebaut, was sowohl heutigen Brandschutz- und Dämmregularien entspricht wie auch dem Besucher mehr Komfort bietet: Klimaanlage, größere Leinwand, neues Tonsystem. Die ersten vier Reihen haben eine enorme Beinfreiheit, das haben wir ausprobiert, die dahinter besitzen kleine aufklappbare Tischchen, so daß der Umbau sechs Plätze kostete und nur noch 84 Besucher auf den roten, blauen, grünen Sesseln Platz finden. Übrigens alles sehr gedeckt in den Farben, der Teppichboden ist dunkel, was sinnvoll ist, wenn man daran denkt, wie oft Kinonachbarn die Limonade umschmeißen oder Schlimmeres.

Claudia Schulmerich

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