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„Judensau-Prozess“ geht in die nächste Instanz

Judensau, Wittenberg, Stadtkirche, Michael D. Düllmann, Prozess
Die „Judensau“ prangt seit 1305 an der Fassade der Wittenberger Stadtkirche.

Nur 12 Minuten lang dauerte die Zivilklage vor dem Wittenberger Amtsgericht, gerade ausreichend, um die Personalitäten des anwesenden Klägers Michael D. Düllmann, seinem Anwalt und die der drei Vertreter der Gegenseite, unter ihnen Stadtkirchenpfarrer Johannes Block, aufzunehmen. Gleich danach erklärte sich Richter Thomas Tilch für diesen Prozess nicht zuständig und verwies die Verhandlung an die nächsthöhere Instanz an das Landgericht Dessau-Roßlau.

 

Es geht um die Wittenberger Judensau, ein antisemitisches Sandsteinrelief an der Stadtkirche, die inzwischen UNESCO Weltkulturerbe ist. Dort haben einst Martin Luther und Philipp Melanchthon gepredigt, in der Kirche hängen Gemälde von Lucas Cranach und seinem Sohn, die beide in Wittenberg gelebt und gearbeitet hatten. Ein geschichtsträchtiger Ort. Hoch oben an der Außenseite ist ein mittelalterliches Relief angebracht, das einen Rabbiner zeigt, der den Pirzel eines Schweines hochhält und in ihren After schaut, während andere Juden an den Zitzen der Sau saugen.

 

Die in Stein gemeißelte Verhöhnung und Schmähung des Judentums ist Ausdruck eines sich verselbstständigten Judenhasses. Eine Beleidigung ist das Schandrelief noch heute. Immer wieder wurde darüber diskutiert, doch getan wurde nichts. Jetzt hat Michael D. Düllmann, Mitglied der Berliner Synagoge Sukkat Schalom eine Klage auf Abnahme wegen „Beleidigung nach Paragraf 185 Strafgesetzbuch“ eingereicht. Die diffamierende Darstellung soll abgenommen und in ein Museum gebracht werden. Dem widersetzen sich der amtierende Pfarrer Johannes Block und andere Vertreter der evangelischen Kirche. Zwar geben sie zu, das von Martin Luther verehrte Relief sei ein Schmähobjekt, doch sollte man sich „auch den dunklen Seiten der Reformation stellen“ und überhaupt sei die „Gemeinde davon überzeugt, dass Geschichte zugegeben und nicht verborgen werden dürfe“. Auch Wittenbergs Bürgermeister Jochen Kirchner meint, es solle bleiben wo es jetzt ist, allerdings auch als ein Mahnmal verstanden werden.

 

Gegenteiliger Ansicht ist nach wie vor der Leipziger Pfarrer Thomas Piehler. Er fordert die Abnahme, denn „nach Auschwitz ist der Verbleib der Judensau an einer Kirche undenkbar“ und zitiert das Grundgesetz, Artikel eins: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Gilt das auch für Juden?“ 

 

Von vielen Seiten erhält Michael D. Düllmann Zuspruch für seine Klage. Er kündigte bereits an, nötigenfalls durch sämtliche Instanzen gehen zu wollen, letztendlich auch bis zum Europäischen Gerichtshof in Brüssel. Sollte er mit seiner Klage Erfolg haben, könnte sie zu einer Vorbildfunktion werden. Noch immer existieren judenfeindliche Schmähdarstellungen in und an 28 deutschen Kirchen sowie in Österreich, Frankreich, Polen und Schweden. Erfolgreich war die Klage bereits jetzt schon, denn es wird darüber gesprochen und auf den kirchlichen Antisemitismus aufmerksam gemacht.

 

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