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Land Hessen fördert jüdische Kultur

Gespräch mit dem Minister Für Wissenschaft und Kultur Boris Rhein

Boris Rhein, Hessischer Minister für Wissenschaft und Kunst. © HMWK
Boris Rhein, Hessischer Minister für Wissenschaft und Kunst. © HMWK

Herr Rhein, seit 2014 sind Sie hessischer Minister für Wissenschaft und Kunst. Unter Ihrer Ägide wuchs auch die nationale Bedeutung Hessen als Filmland. Als zweites Bundesland neben Bayern vergibt auch Hessen einen eigenen Film- und Kinopreis. Neu war in der Kategorie „Newcomer“ ein Nachwuchspreis, der in diesem Jahr für einen Dokumentarfilm über den Maler Moritz Daniel Oppenheimer vergeben wurde. Auch die Phoenix-Doku „Die Akte Oppenheimer“ die sich ebenfalls mit einem jüdischen Thema befasst, wurde prämiert. Und die Frankfurter Jüdische Gemeinde hat in der gegenwärtigen Kulturwoche, die auch vom Land Hessen gefördert werden, die Vorstellung jüdischer Filme als einen Schwerpunkt, der Einblick in jüdische Lebensweisen und Tradition ermöglicht. So wurde zum Beispiel die Virtual-Reality Eigenproduktion der Jüdischen Gemeinde über die Westendsynagoge vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst mit 20.000 Euro gefördert. Was sind die Beweggründe für dieses große Engagement unter Ihrer Leitung?

 

Mit Ihren Vorbemerkungen zur Frage stellen Sie ganz zutreffend fest, dass die jüdischen Themen in der Kulturpolitik in ganz unterschiedlichen Bereichen eine Rolle spielen und dies auch von der Landesregierung gefördert wird. So konnte anlässlich der Jüdischen Filmtage 2018 die Jüdische Gemeinde Frankfurt erstmals eine eigene 360°-Produktion realisieren, die die Besucher in die Westend-Synagoge führt. Das ist für viele sicherlich die erste „Begehung“ eines jüdischen Gotteshauses. Mein Ministerium fördert dieses Projekt der kulturellen Bildung, um die Schwelle zur Erfahrung jüdischer Kultur und jüdischen Glaubens zu senken. Bei den Jüdischen Filmtagen geht es ja nicht nur ums Zuschauen, sondern vielmehr ums Erleben. Eine ganz neue Erfahrung liefert die Virtual Reality Reihe „Jerusalem: Glaube, Liebe, Hoffnung, Angst“. Dani Levy erzählt vier Kurz-Geschichten und versetzt die Zuschauer in berührend-absurde und komische Situationen des israelischen und palästinensischen Alltags. Wer über die VR-Brillen in Levys Kurzgeschichten eintaucht, erlebt die Illusion mittendrin zu sein. Um Jüdischen Film auch jüngeren Generationen näher zu bringen, können Jugendliche in einem Workshop von Virtual Eventures sogar erste eigene 360°-Filme drehen.

 

Bei der Vergabe von Filmpreisen geht es zwar nicht darum, Werke zu bestimmten Themen auszuzeichnen. So wird der Newcomer-Preis an der persönlichen Leistung eines erst am Anfang seiner beruflichen Laufbahn stehenden Filmschaffenden festgemacht. Auch bei den Preisen für bestimmte Filmprojekte geht es um die Regieleistung und weniger um das Thema. Dass gleichwohl in diesem Jahr Preisträger zu den Siegern gehören, die sich mit jüdischen Themen befassen, spricht aus meiner Sicht vielleicht dafür, dass sich Filmschaffende verstärkt diesen Themen widmen – sicher nicht zuletzt auch deswegen, weil Kultur immer auch ein Spiegel der gesellschaftlichen Themen ist.

 

Auch das Jüdische Museum Frankfurt, wird gegenwärtig auch mit Unterstützung des Kulturministeriums neu gebaut.

 

Die Landesregierung unterstützt den Erweiterungsbau des Jüdischen Museums in Frankfurt mit zwei Millionen Euro. Damit fördert das Land die Ausstattung der so genannten Familienräume, beispielsweise der Familien Rothschild und Frank, sowie die Museografie – also die museale Inszenierungskunst – für die Präsentation der Judaica. Auf diese Weise leisten wir einen Beitrag, dass die jüdische Geschichte aufgearbeitet wird und in den zwei Häusern des Museums neu präsentiert werden kann. Ich freue mich über die Unterstützung des Landes für dieses Museum, das eine ganz besondere Bedeutung nicht nur für Frankfurt hat: Das Jüdische Museum trägt einen wichtigen Teil für das Verstehen der Vergangenheit bei und macht einmal mehr deutlich, dass es im Land der Täter kein Vergessen geben darf.

 

Ein wichtiges Thema ist die Restitution in der NS-Zeit gestohlener Kunstgegenstände. Auch Museen in Hessen führen zu diesem Thema verschiedene Forschungen durch. Unterstützten Sie diese Aktivitäten?

 

Mit der Einrichtung der Zentralen Stelle für Provenienzforschung vor nunmehr drei Jahren gehörte Hessen bundesweit zu den Vorreitern bei diesem Thema. Die beiden Mitarbeiterinnen dieser vom Land finanzierten, am Museum Wiesbaden angesiedelten Stelle ermitteln erfolgreich die Herkunft der zwischen 1933 und 1945 sowie der ab 1946 erworbenen Kunstgegenstände in den Beständen der drei Hessischen Landesmuseen in Darmstadt, Kassel und Wiesbaden. Damit wird die Herkunft hessischer Kunstwerke systematisch erforscht und transparent gemacht. Ich betrachte es durchaus als moralische Verpflichtung, Raubkunst ausfindig zu machen und sie den rechtmäßigen Eigentümern oder deren Erben zurückzugeben.

 

Einen staatlichen Bildungs- und Erziehungsauftrag haben auch Einrichtungen wie das „Fritz-Bauer-Institut“, oder die „Martin-Buber-Stiftung“. Einigermaßen neu ist auch der Studiengang für jüdische Studien und eine Arbeitsstelle „Holocaustliteratur“ an der Frankfurter Goethe-Universität sowie die Einrichtung einer Professur zur Erforschung der Geschichte des Holocaust. In wieweit ist die hessische Landesregierung daran beteiligt?

 

Die Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie im Fachbereich Evangelische Theologie wurde 1989 von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau gestiftet. Gemäß den Vereinbarungen mit dem Land Hessen wird die ehemalige Stiftungsprofessur seit dem 1. Januar 2005 vom Land Hessen dauerhaft fortgeführt. Sie hat das Ziel, Hörerinnen und Hörern aller Fachbereiche, insbesondere den Studierenden der Theologie und Philosophie, sowie der interessierten Öffentlichkeit Zugänge zu Geschichte und Gegenwart des Judentums zu eröffnen.

 

Das Land hat 2015 an der Universität Frankfurt die erste Holocaust-Professur in Deutschland ins Leben gerufen. 70 Jahre nach dem Ende der Shoah war das ein überfälliger Schritt. Wir sind verpflichtet, uns an die Spitze der Forschung zu setzen. Das Besondere an dieser Professur ist, dass es nicht nur um das Verstehen der Vergangenheit geht. Insbesondere die Auswirkungen bis in die Gegenwart bilden einen Forschungsschwerpunkt. Der neue Lehrstuhl ist zugleich mit der Leitung des Fritz-Bauer-Instituts verbunden, das die Landesregierung auch weiterhin mit einer institutionellen Förderung in Höhe von 350.000 Euro unterstützt. Damit stehen für Holocaust-Professur und Institut jährlich insgesamt 500.000 Euro aus Landesmitteln zur Verfügung. Die Verknüpfung der neuen Holocaust-Professur mit der Leitung des Fritz-Bauer-Instituts ist eine einmalige Gelegenheit, die wir nutzen, um der wissenschaftlichen Aufarbeitung einen möglichst großen Schub zu geben. Das Fritz-Bauer-Institut ist eine Bildungs- und Forschungsstätte von höchstem internationalem Rang, deren Bedeutung sich weit über die Grenzen von Hessen hinaus entfaltet. Vor allem die Auseinandersetzung mit den ethischen und moralischen Rechtfertigungsstrukturen des Holocaust bis in die Gegenwart macht die Forschung so einmalig und bedeutsam.

 

Seit dem 1. Juni 2017 gibt es an der Justus-Liebig-Universität eine zweite Holocaust-Professur: Die neu eingerichtete Stiftungsprofessur für Neuere Deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Holocaust- und Lagerliteratur sowie ihre Didaktik. Neben der literaturwissenschaftlichen und didaktischen Auseinandersetzung mit Holocaust- und Lagerliteratur ist das Ziel der Gießener Professur, die Erinnerung an den Holocaust durch einen aktiven Umgang mit der Literatur auch dann noch zu sichern, wenn die Generation der Zeitzeugen in naher Zukunft nicht mehr da sein wird. Gefördert wird die Gießener Professur von der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung zu Lich. Gleichzeitig unterstützt das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst über das Innovations- und Strukturentwicklungsbudget des Landes den Ausbau der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der JLU bis Ende 2020 mit jährlich knapp 200.000 Euro. 

Die Fragen stellte A. von Loew 

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