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„Denn fremd warst du im Land Ägypten“

Ein Beitrag zur Debatte über die Integration der angekommenen Flüchtlinge

Die Integration der angekommenen Flüchtlinge ist zu einer zentralen ethischen Herausforderung Deutschlands geworden. Es geht dabei sowohl um die Zukunft unseres sozialen und demokratischen Rechtstaats, als auch um eine Neuausrichtung der Prioritäten für Staat und Verwaltung.

 

Um die Integration der Flüchtlinge zu erreichen, fordern wir als jüdische Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten eine „Agenda der sozialen Gerechtigkeit“, verbunden mit einer neuen Bildungsdebatte und einem breiten gesellschaftlichen Bekenntnis zu den demokratischen Werten, zu denen immer auch die gelebte Religionsfreiheit gehört.

 

Jüdische Grundlage

Als Arbeitskreis (AK) jüdischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten verstehen wir uns sowohl in der jüdischen Tradition, als auch im sozialdemokratischen Denken verankert. Beide zusammen enthalten für uns die ethische Begründung dafür, dass der Staat und die Gesellschaft eine Integration von Menschen, die auf der Flucht vor Krieg, Terror und politischer Verfolgung nach Deutschland gelangt sind, bejahen. Es sind Muslime und Christen, die wegen des islamistischen Terrors und des inner-muslimischen Religionskriegs ihre Heimatländer verlassen. Auch Menschen aus Äthiopien und Eritrea suchen Zuflucht bei uns vor der staatlichen Unterdrückung. Bald werden auch Menschen zu uns kommen, die wegen der ethnischen und nationalistischen Unterdrückung aus der Türkei flüchten.

 

Die Grundlagen der jüdischen Tradition sind die hebräische Bibel und das rabbinische Schrifttum, vor allem der Talmud. In der hebräischen Bibel bilden die Befreiung von der Sklaverei und der Exodus aus dem Ägypten der tyrannischen Pharaonen die Grundmotive für Freiheit, soziale Gerechtigkeit und für ethische Verpflichtungen gegenüber den Anderen, die der Hilfe bedürfen. An einem der wichtigsten Feiertage, Pessach, erinnern Juden mit einem festlichen Mahl (der Seder) an das Ende der Sklaverei und den Exodus (das christliche Abendmahl war ursprünglich ein Seder). In der Bibel steht:

 

"Wenn bei dir ein Fremder in eurem Lande weilt, sollt ihr ihn nicht kränken. Gleich dem Einheimischen unter euch sei euch der Fremde, der bei euch weilt, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn Fremdlinge waret ihr im Lande Ägypten, ich bin der Ewige, Euer Gott." (Levitikus, Kapitel 19, Verse 33-34).

 

„Einen Fremdling sollst du nicht bedrücken; ihr wisst ja, wie einem Fremdling zu Mute ist; denn Fremdlinge waret ihr im Lande Ägypten.“ (Exodus, Kap. 23, Vers 9).

 

Zur Begründung der Zehn Gebote steht in der Tora:

 

„Denke daran, dass du ein Knecht im Lande Ägypten gewesen bist, und dich der Ewige, dein Gott, mit starker Hand und ausgestrecktem Arm von dort herausgeführt hat.“ (Deutronomium, Kap 5, Vers 15 )

 

Das letzte Zitat führte insbesondere Eduard Bernstein, einer der wichtigsten jüdischen Sozialdemokraten, zur politischen Begründung des Kampfes für Völkerverständigung, soziale Gerechtigkeit und jüdisches Engagement in „sozialen Befreiungsbewegungen“ an. Als Reichstagsabgeordneter der SPD schrieb er im Februar 1917:

 

„Braucht es noch einer besonderen Darlegung, um erkennen zu lassen, warum der Jude, unbekümmert um seine persönliche Klassenlage, seine privaten materiellen Interessen, jenen sozialen Befreiungsbewegungen nicht fremd und teilnahmslos gegenüber stehen darf? Das Hauptgebet der jüdischen Religion enthält den Satz, der, in seiner vollen Bedeutung erfaßt, das kategorische Pflichtgebot für den Juden ausdrückt, für sie mit größter Hingebung einzutreten und in ihrem Sinne als Mittler der Völker sich zu betätigen: Gedenke, daß du ein Knecht warst in Ägypten!“ (Die Aufgaben der Juden im Weltkriege)

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