Anzeige
Eine Ausstellung im Garten der Gedenkstätte „Haus der Wannsee-Konferenz“ zeigt bisher unveröffentlichtes Material über eine Spezialeinheit der US-Army, die von Juni bis September 1945 in der Villa einquartiert waren.
Von Juli bis September 1945 lebten die „Ritchie Boys“ in der Villa der Wannsee-Konferenz. Zeichnung „Ritchie Boys“ von Mathis Eckelmann. Foto © GHWK, Mathis Eckelmann
Als „Ritchie Boy“ kam Fritz Traugott im Juli 1945 nach Berlin. Er gehörte einer Spezialgruppe innerhalb der US-Army an, die 1942 mit dem Ziel gegründet wurde, durch die Befragung von Kriegsgefangenen oder übergelaufenen Angehörigen der Wehrmacht und der SS militärische Informationen zu gewinnen, vorwiegend über Truppenbewegungen, die Truppenstärke und die psychische Verfassung der Soldaten und Offiziere. Auch verdeckte Operationen zählten zu den Aufgaben der „Ritchie Boys“. So schlüpften sie etwa in Wehrmachtsuniformen, um an Informationen über die Stellungen zu gelangen und die Kampfkraft feindlicher Einheiten auszuspähen. Darüber hinaus verfassten sie Flugblätter in deutscher Sprache, die über den Schützengräben abgeworfen wurden. Besonders gefährlich war der Einsatz mit mobilen Lautsprechern an der Front, mit denen gegnerische Soldaten zur Aufgabe oder zum Überlaufen aufgefordert wurden. Die Lautsprecher verfügten nur über eine geringe Reichweite, womit die „Ritchie Boys“ selbst leicht auszumachen waren. Ein gezielter Schuss in Richtung der Stimmen konnte das ganze Team treffen.
Die Spezialeinheit bestand überwiegend aus deutschen und österreichischen Juden, die in die USA emigriert waren. Unter ihnen befanden sich berühmte Persönlichkeiten wie Henry Kissinger, Stefan Heym, Hans Habe, Georg Kreisler, Klaus Mann oder der spätere Diplomat Joachim von Elbe, dessen Großmutter eine Nichte von Felix Mendelssohn Bartholdy war. Fritz Traugott hatte gerade die Schule abgeschlossen, als es seinen Eltern 1938 gelang, mit ihm in die USA zu emigrieren. Mit 19 Jahren erhielt er die US-Staatsbürgerschaft und trat in die Armee ein. Im Camp Ritchie in Maryland erhielt er eine Ausbildung und wurde der Spezialeinheit zugeteilt. Als GI nahm er an der D-Day-Invasion in der Normandie teil und erlebte hautnah einen der entscheidenden Wendepunkte im Zweiten Weltkrieg.
Im Gästehaus der SS – Die Mission der „Ritchie Boys“
Unmittelbar nach Kriegsende entsandte die Armee Fritz Traugott zusammen mit anderen Ritchie Boys, die einst vor Hitler geflüchtet waren, zurück nach Berlin. Als Spezialisten für Verhörtechnik und psychologische Kriegsführung sollten sie NS-Verbrecher identifizieren, ihre Taten aufdecken und dokumentieren. Ihr Quartier bezogen sie in der prächtigen Villa am Wannsee 56–58, die äußerlich so malerisch aussieht, doch in deren Räumen das größte Verbrechen der Menschheit organisiert wurde. Hier war 1942 im Rahmen der berüchtigten „Wannsee-Konferenz“ die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen worden. Davon wusste Fritz Traugott im Sommer 1945 noch nichts; die Protokolle wurden erst 1947 entdeckt. Spätestens beim Durchsehen der Unterlagen aber wurde den Männern klar, in wessen Haus sie gelandet waren. Unter anderem fanden sie Briefpapier mit dem Logo „Reichsführer SS“. Auf einem solchen Bogen schrieb Fritz Traugott Grüße an seine Ehefrau, die mit dem gemeinsamen Sohn in den USA geblieben war. Traugott empfand die Verwendung des Briefpapiers als persönlichen Sieg über die Nationalsozialisten. Zuvor hatte seine Einheit gut sichtbar auf dem Dach der Villa die US-Flagge gehisst.
Besucher betrachten die überall im Park aufgestellten Informationstafeln mit Auszügen aus den Briefen von Fritz Traugott und seinen Fotografien. Foto Alexis Canem
Unweit des Quartiers, im „Interrogation Camp“ in der Königsstraße, verhörten die deutschsprachigen Soldaten stundenlang Kriegsgefangene und NS-Täter. Leicht war es nicht, angesichts von Mördern und Mitläufern die Nerven zu behalten – auch darüber berichtete Fritz Traugott. Viele Briefe und Fotos aus dieser Zeit sind erhalten geblieben. Sie wurden nun von seinen Kindern und Angehörigen – Traugott starb 1995 in New York, der Gedenkstätte „Haus der Wannsee-Konferenz“ übergeben. Nur drei Monate, bis September 1945, war Traugott mit seiner Einheit in Berlin stationiert, dann kehrte er zurück in die USA – seine neue Heimat.
Eine Ausstellung im Garten der Villa zeigt erstmals Reproduktionen dieser Dokumente. Sie beleuchtet ein bislang wenig beachtetes Kapitel der Nachkriegsgeschichte, das noch weiter erforscht werden muss. Die „Ritchie Boys“ leisteten einen wichtigen Beitrag zur Entnazifizierung und zur schnellen Demokratisierung Deutschlands. Viele ehemalige Mitglieder arbeiteten später als Dolmetscher bei den Nürnberger Prozessen, besetzten wichtige Verbindungsstellen und trugen auch zum Aufbau einer freien Presselandschaft bei. Besucherinnen und Besucher können sich in der Gedenkstätte Kopfhörer ausleihen oder Audiotexte auf ihr Handy laden, die über die Rolle der jüdischen US-Soldaten im Gästehaus der SS informieren.
Die Ausstellung „On the Roof of Himmler’s Guesthouse – Die U.S. Army 1945 am Wannsee“ ist bis zum 30. Juni 2026 täglich während der Öffnungszeiten der Gedenkstätte zu sehen. Der Eintritt ist frei.
aca