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Jüdisches Museum Wien, Dorotheergasse 11, Wien, www.jmw.at, Judentum, Wien

DIE FRAU HINTER DEM STAATSGRÜNDER

EIN ROMAN ÜBER LIEBE, VERLUST UND DIE GEBURTS­STUNDE ISRAELS

David Ben-Gurion gilt als der Vater des Staates Israel – doch wer war die Frau an seiner Seite? In seinem Roman lässt Stephan Abarbanell Paula Ben Gurion aus dem Schatten ihres berühmten Mannes hervortreten.

Michel Friedman, Fremd, Berlin Verlag, Spiegel Bestseller, Bestseller, Kindheit, Piper Verlag, Gaby Gerster

Obwohl Paula Ben-Gurion (l.) sich im Zentrum der Macht befand, blieb sie doch stets im Hintergrund. Foto Benno Rothenberg /Meitar Collection / National Library of Israel / The Pritzker Family National Photography Collection

Was bleibt von einem Leben, wenn es fast ausschließlich dem Werk eines anderen gewidmet ist?

 

In Paula oder Die sieben Farben der Einsamkeit erzählt Stephan Abarbanell von der Frau, die Israel mitgetragen hat, ohne je selbst im Rampenlicht zu stehen.

 

Abarbanells jüngstes Werk folgt auf seine bereits erschienenen Romane 10 Uhr 50, Grunewald (2022) über die Ermordung von Walther ­Rathenau; Das Licht jener Tage (2019) beschreibt den Libanonkrieg von 1982; Morgenland (2017) thematisiert die deutsche Nachkriegszeit und den jüdischen Unabhängigkeitskampf in Palästina.

 

In seinem neuen Roman rückt Stephan Abarbanell Paula (Pola) Ben-Gurion, die Gattin des Staatsgründers, in den Fokus und gibt ihr damit eine eigene Stimme. In seinem Nachwort führt der Autor verschiedene Werke von Historikern an, die er konsultiert hat. Er merkt dabei an, dass es keine biographische Forschung zu Paula Ben-Gurion gebe, und der Roman auch eine „Lücke markieren“ möchte, ohne sie schließen zu können. Dabei wird die indirekte Bedeutung von Ben-Gurions Frau nicht nur für den langjährigen Regierungs­chef, sein Lebenswerk und politisches Vermächtnis, sondern auch für die israelische Geschichte insgesamt betont und gewürdigt.

 

In einem Gedankengespräch erkennt Paula: „So wie der Staat Israel das Lebensprojekt ihres Mannes war, so war sein Leben ihr Projekt. Er war ihr Staat Israel. […] Nur weil sie an seiner Seite war, konnte er der werden, der er war. Nur weil sie sich ihm ganz hingegeben hatte, konnte er sich ganz seinem Staat hingeben.“

 

 

 

 

 

 

Stephan Abarbanell, „Paula oder Die sieben Farben der Einsamkeit“, Karl Blessing Verlag, 240 Seiten, Hardcover 24,00 € [D], 24,70 € [A], 35,00 Sfr. [CH], e-Book: 21,99 €

 

Zwei Tage in Sde Boker

Paula oder Die sieben Farben der Einsamkeit handelt im Mai 1966, am Vortag und dem Tag des Besuches des deutschen Nachkriegskanzlers Konrad Adenauer im Kibbuz Sde Boker. Dort hatte sich das Ehepaar Ben-Gurion 1953 nach der Abgabe der Regierungsgeschäfte von Ben-Gurion als Mitglied niedergelassen. Die spärliche Handlung der Romanfiguren an diesen zwei Tagen, allen voran von Paula und David Ben-Gurion und ihrem familiären und nachbarschaftlichen Umfeld im Kibbuz, besteht aus den häuslichen Vorbereitungen für den Staatsbesuch.

 

Familiäre Spannungen, persönliche Opfer und das politisches Vermächtnis

Das erzählerische Panorama wird in einem konzisen, kühlen und sachlichen Stil präsentiert. Es entfaltet sich aus Paulas Gesprächen mit ihrem Mann, ihren Töchtern und Nachbarn. Dabei lässt sich die historische Protagonistin wehmütig zu ausführlichen Rückblicken verleiten. So treten die komplexe Persönlichkeit und Biographie ihres Mannes ebenso hervor wie ihre eigene. Zugleich wird die Vielschichtigkeit der jüdischen Existenz sichtbar, und mit ihr die Entstehung des modernen Staates Israel.

 

Dies sind zum einen die persönlichen und familiären Spannungen: zwischen der alten Heimat in Osteuropa, der neuen Heimat in New York und den Möglichkeiten, dort ein progressives, säkular und sozialistisch ausgerichtetes Leben führen zu können.

 

Gleichzeitig ist Ben-Gurion von seinem scheinbar verrückten zionistischen Traum getrieben, einen jüdischen Staat zu gründen. Später bedeutet dies, nicht nur das Leben in Israel als unabwendbar akzeptiert zu haben, sondern auch aus Tel Aviv in die Wüste ziehen zu müssen. Eindringlich schildert der Roman auch Paulas Wut und Trauer über die Liebe ihres Mannes zu anderen Frauen. Und zu alldem kommt in betagtem Alter noch die unliebsame Aufgabe, den deutschen Altkanzler empfangen zu müssen. Allerdings kann sie auch in dieser Situation ihre eigentliche Ablehnung in Zugewandtheit umwandeln: sie beabsichtigt verschmitzt, Adenauer ihr Kibbuzbett für seine gewöhnliche Mittagsruhe anzubieten. Leserinnen und Leser werden über viele Details aus dem Familienleben der Ben-Gurions lachen, schmunzeln, staunen und sicherlich auch hier und da mit Paula mitleiden.

 

Genauso werden aber auch die großen Spannungen, die über Jahrzehnte hinweg die israelische Gesellschaft geprägt haben, eingeführt und ihre Hintergründe verständlich gemacht. Ob es die Gegensätze zwischen Religiösen und Säkularen sind, zwischen Staatskritik und Staatsnotwendigkeit oder zwischen Sozialismus und Revisionismus.

 

Der angenehm zu lesende Roman empfiehlt sich für alle, die Israel und die Entstehungsgeschichte des Staates besser verstehen möchten, aber auch für biographisch Interessierte – besonders an jüdischen Frauen des frühen 20.  Jahrhunderts.

  Dr. Nicolas Dreyer

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KKL, Keren Kayemeth Leisrael, Jüdischer Nationalfonds, KKL Frankfurt, KKL Deutschland, Testament, Israel

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