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UNGLAUBLICH!

DEUTSCHE MUSEEN VERBREITEN FORDERUNG NACH ENDE DER ERINNERUNGSKULTUR

Kunstzeitung Lindinger + Schmid Deutscher Übereifer

Alexis Canem

Als in Frankfurt am Main in der Kunsthalle „Schirn“ eine Ausstellung mit Bildern des belgischen Künstlers René Magritte eröffnet wurde, lagen zugleich auch über 300 Ausgaben der aktuellen „Kunstzeitung“ Nr. 246 aus. „Sie können sich eine nehmen“, sagte mir ein Mitarbeiter, „die legen wir immer aus. Sie kosten nichts“. Viele Besucher griffen zu.

 

„Wir sind Weltmeister im Basteln an der eigenen (Schuld-)Vergangenheit“, liest man dort in der ganzseitigen Titelgeschichte. „Es scheint so zu sein, dass diese Nation mittlerweile nichts mehr unversucht lässt, in jedem Bundesland, in jeder Stadt, auch in jedem Kleingartenverein zu ermitteln, wo es noch eine Opfergruppe geben könnte, derer zu gedenken wäre.“ Weiter greift Chefredakteur und Herausgeben Karlheinz Schmid in dem Leitartikel einen angeblichen „deutschen Übereifer“ an, „der sich in einer inflationär wirkenden Zunahme der Erinnerungskultur äußert, die teils groteske Züge annimmt“. Weiter heißt es, sie „sind unter anderem Ausdruck eines deutschen Traumas, sich für Unrecht vorausgegangener Generationen entschuldigen zu müssen, die dunkle deutsche Vergangenheit politisch korrekt aufpolieren zu wollen. Nicht selten Krampf im Denken und Handeln“. Die finanzielle Förderung des Bundes für die Synagogen in Lübeck und Augsburg werden zu unnötigen Ausgaben erklärt, wie auch jene „fünf Millionen aus dem 1,6-Milliarden-Zuwendungsbeutel der Staatsministerin für das Bundesarchiv, um die NS-Vergangenheit deutscher Ministerien und Behörden aufzuarbeiten“, und so weiter, und so fort.

 

Das Bedenkliche an den Forderungen nach Geschichtsrevisionismus und Nivellieren der Verbrechen des Holocaust gegen die bisherige Erinnerungskultur ist vor allem, dass diese von 200 deutschen Museen und Kulturinstituten bedenkenlos verbreitet werden. Viele von ihnen sind gleichzeitig auch Forschungsstätten und werden vom Bund, den Ländern und Städten finanziert. Eigentlich ein Widerspruch – der Wunsch nach Ende der Erinnerungskultur und gleichzeitiger intensiver Forschung der historischen Vergangenheit.

 

Dr. Philipp Demandt, der nicht nur als Direktor der Kunsthalle Schirn vorsteht, sondern gleichzeitig auch der Skulpturensammlung Liebighaus und des Kunstmuseums Städel, zuckt die Schulter. Dabei gehört das Städelsche Kunstinstitut zu den Museen, die schon sehr früh mit Provenienzforschung begonnen hatten und innerhalb der Museenlandschaft gewiss zu den Vorreitern gezählt werden können. Allerdings war es sein Vorgänger Max Hollein, der in seiner Amtszeit die Geschichte des Hauses im Nationalsozialismus und den Besitz der vorhandenen Kunstwerke intensiv erforschen ließ. Auf der Internetseite des Städel Blogs schmückt sich das Haus heute noch mit der Arbeit ihrer Provenienzforscherin Iris Schmeisser. Wie ist dies mit der Forderung nach einem Ende der Erinnerungskultur zu verstehen? Dr. Philipp Demandt, Chef der drei Frankfurter Kulturinstitute, kam 2016 von der Berliner Museumsinsel in die Bankenstadt. In Berlin, erklärte er ist „immer auch alles sehr politisch“. Und in Frankfurt? Glaubt er, hier unbemerkt die Verbreitung von Gedanken, die im Widerspruch zur bundesdeutschen Kulturpolitik stehen, unterstützen zu können? Auf unseren offenen Brief reagierte er nicht.

 

200.000 Exemplare druckt die „Kunstzeitung“ nach eigenen Angaben monatlich. Finanziert wird sie von den Anzeigen der jeweiligen Kunstinstitute. Und das sind recht viele. Auch die Karlsruher Museen werben darin. „Wir haben die Zeitungen aus unserem Haus entfernt, nachdem Sie uns auf den Artikel aufmerksam gemacht haben“, sagt uns der Direktor des Badischen Landesmuseums Prof. Dr. Eckart Köhne. Die nächste Ausgabe jedoch, erklärt er, „werden wir wieder auslegen“. Eine Konsequenz hat der ganzseitige Leitartikel für sein Haus nicht.

 

Prof. Dr. Eckhard Köhne ist auch der Präsident des „Deutschen Museumsbundes e.V.“, der demnächst sein 100. Jubiläum in Berlin feiert. In der Präambel steht unter anderem, Kernaufgabe der Museen sei auch „die Auseinandersetzung mit der Geschichte als Herausforderung für die Gegenwart und die Zukunft“. Museen, heißt es weiter „nehmen diese Aufgabe treuhänderisch wahr.“ Neben „Sammeln, Bewahren Forschen und Ausstellen“ gehört auch „Vermitteln“ dazu, betont der Museumsbund. „Die Erfüllung dieser Aufgaben wird durch die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts beeinflusst“. So war der Deutsche Museumsbund an der Ausarbeitung des Kulturgüterschutzgesetzes mit beteiligt und arbeitet gegenwärtig aktiv im Beirat des „Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste“ mit. Für seine Mitglieder, fast alle Museen und Kunstinstitute Deutschlands sowie Freiberufler aus der Museums- und Kulturszene, gibt der Deutsche Museumsbund Stellungnahmen und Positionspapiere als Leitfäden zur Museumsarbeit heraus. Diese werden in Form von Broschüren gedruckt. Unsere Frage, ob nach dem Vorfall der in zahlreichen renommierten Museen ausgelegten „Kunstzeitung“ der Deutsche Museumsbund auch den Themen „Erinnerungskultur“, die „Forderung nach Einstellung der bisherigen Förderung für jüdische Kultur- und Kultstätten“, sowie auch für die weitere „Aufarbeitung der NS-Vergangenheit deutscher Ministerien und Behörden“ nun verstärkte Beachtung geschenkt wird, winkt Präsident Prof. Dr. Köhne ab. Er sieht dafür keine Veranlassung. Unter seinem Vorgänger gab der Museumsverband zahlreiche Positionspapiere zur Provenienzforschung heraus. Es sei die ganz eigene Entscheidung der Kulturinstitute, was sie in ihren Räumen auslegen. Auf unseren offenen Brief hatte der Deutsche Museumsverband e.V. ebenfalls nicht reagiert.

 

Lob kam dagegen von Ministerialdirigent Ansgar Hollah, dem Bereichsleiter „Geschichte und Erinnerung“ bei der „Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien“, der hofft, dass unser Engagement „dazu beiträgt, die adressierten Einrichtungen für das so wichtige Thema Erinnerungskultur weiter zu sensibilisieren“. Die deutsche Bundesregierung, betont er weiter, ist sich der bleibenden Verantwortung bewusst, „der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken, die Verbrechen der Nationalsozialisten schonungslos aufzuarbeiten und die nachfolgenden Generationen über das Geschehene aufzuklären und zu informieren“.

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