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„BERGEN-BELSEN WAR NICHT DAS ENDE”

DAS LEBEN DES HOLOCAUST-SURVIVOR UND AKADEMIKER PROF. DR. LADISLAUS LÖB SEL. A.

Prof. Dr. Ladislaus Löb, Zürich, Rezsö Kasztner, Yad Vashem, Gamaraal Foundation

Prof. Dr. Ladislaus Löb sel. A. Foto Gamaraal Foundation

Es ist der 8. Dezember 1944. Punkt 1.00 Uhr, mitten in der Nacht, erreicht ein Zug den Schweizer Grenzübergang. Laut Fahrplan dürfte es ihn gar nicht geben. Rastlos schnauft die Lokomotive durch die Winternacht, auch an den Bahnhöfen legt sie keine Zwischenstopps ein. Der Zug bedeutet Leben. In den Wagons befinden sich rund 1.300 Gefangene aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen – jüdische Frauen, Männer und Kinder. Der 11-jährige Ladislaus Löb mit seinem Vater hat es in den rettenden Zug geschafft.

 

Die Mutter war bereits 1942 an Tuberkulose gestorben. Löbs Verwandtschaft war von den Nazis ins Ghetto Klausenburg verschleppt worden, doch dem findigen Vater, der einst als Kaufmann sein Geld verdiente, gelang gemeinsam mit dem Sohn die Flucht nach Budapest, dort leitete Reszö Kasztner das jüdische zionis­tische „Komitee für Hilfe und Rettung“. Rezsö Kasztner verhalf 1.669 Juden zur Rettung vor dem sicheren Tod, Wissenschaftler, Ärzte, einige Professoren, aber auch Krankenschwestern, Bauern und Handwerker, Rabbiner und Angehörige anderer Berufe sowie 252 Kinder. Sie alle sollten in Eretz Israel mithelfen, den zukünftigen jüdischen Staat aufzubauen. Der Preis der Rettung war hoch. Rezsö Kasztner hatte eine Verbindung zur SS aufgebaut und erreichte, dass einigen Juden durch Zahlungen hoher Bestechungsgebühren die Ausreise ins Ausland genehmigt wurde. Auch Adolf Eichmann war daran beteiligt, er hielt sich jedoch nicht an den Deal. Statt in die Freiheit, fuhr der Zug in das KZ Bergen-Belsen, trotz der hohen Bezahlung kamen einige von ihnen dort um. Für die anderen verlangte Eichmann weiteres Lösegeld und Kasztner beschaffte auch dieses.

 

Später, nach der Gründung des israelischen Staates, wurden Kasztner seine Kontakte zu Eichmann und seine Kooperation mit der SS vorgeworfen. Er habe, so der spätere israelische Ministerpräsident Menachem Begin, „Juden an die Gestapo verschachert“, mit den Nationalsozialisten kollaboriert und sich dabei persönlich bereichert. Als im Juli 2007 Verwandte von Rezsö Kasztner dessen umfangreiches Privatarchiv an Yad Vashem übergaben, darunter drei Kisten mit Briefen, hofften sie, „dass durch das umfangreiche Material zumindest sein Andenken von den ihm angehängten Vorwürfen dauerhaft befreit werden wird“. Noch heute sind nicht alle Dokumente von Historikern erforscht worden. Kasztner wird weiterhin als ambivalente Persönlichkeit bewertet, von den einen als Verräter verachtet und von anderen als Lebensretter verehrt.

 

Es existieren zahlreiche Bücher, die sich mit der Figur Rezsö Kasztner beschäftigen. Auch Ladislaus Löb schrieb in seinem Werk „Geschäfte mit dem Teufel“ über „Die Tragödie des Judenretters“. Außergewöhnlich an dieser Veröffentlichung, die bereits in sechs Sprachen übersetzt wurde, ist die vielschichtige Erzählpers­pektive des Autors. Einerseits schildert Löb aus der subjektiven Sicht des Zeitzeugen, der im Kindesalter als unmittelbar Betroffener seine Erinnerungen zu Papier bringt, und gleichzeitig als 77-Jähriger auf der Grundlage der persönlichen Erlebnisse aus einer distanziert wissenschaftlichen Forschungsperspektive ein mehrdeutiges, facettenreiches Bild von Kasztner skizziert.

 

Ladislaus Löb wurde 1933 in der sieben­bürgischen Stadt Cluj geboren, das damals zu Ungarn gehörte. Nach der rettenden Zugfahrt in die Schweiz blieben Vater Löb und Sohn Ladislaus viele Jahre in der Alpenrepublik. Hier ging der Junge zur Schule, hier begann er zu studieren und bestand an der Zürcher Universität seine Doktorprüfung. Das Thema seiner Promotion wurde 1962 unter dem Titel „Mensch und Gesellschaft“ als Buch publiziert.

 

Nach dem Studium verließ Löb die Schweiz und wechselte zur „University of Sussex“ in Brighton. Er hielt Vorlesungen und Seminare über Vergleichende Literaturwissenschaft. Später war Löb auch als Gastdozent an den Universitäten Konstanz und der US-amerikanischen Privatuniversität Middlebury College in Vermont tätig.

 

Prof. Dr. Ladislaus Löb hielt Vorlesungen und veröffentlichte literaturwissenschaftliche Arbeiten und später, vor allem nach seiner Emeritierung, waren Übersetzungen aus dem Deutschen oder Ungarischen seine Tätigkeitsschwerpunkte. 2017 kam er aus dem englischen Brighton wieder zurück nach Zürich und wandte sich stärker der jüdischen Kultur zu. Holocaust-Romane, beispielsweise „Neun Koffer“ des ungarischen Schriftstellers Béla Zsolt, der gemeinsam mit ihm von Kasztner aus Bergen-Belsen freigekauft worden war, übersetzte er in die deutsche Sprache und machte sie so einem breiten Publikum bekannt. Bis ins hohe Alter engagierte sich Prof. Dr. Ladislaus Löb unermüdlich als Mahner vor dem Anstieg eines neuen weltweiten Antisemitismus, der auch in der eidgenössischen Schweiz sein Unwesen treibt. Es war ihm wichtig, die Erinnerung an den Holocaust wach zuhalten. In vielen Schulklassen erzählte er Schülern von seinen schrecklichen Erlebnissen während der Shoah, von dem Transport im versiegelten Viehwagen nach Bergen-Belsen, aber auch vom Antisemitismus in Ungarn noch vor 1933 und mahnte heutige Anfänge nicht leichtfertig zu übersehen.

 

„Bergen Belsen war nicht das Ende“, betitelte Prof. Dr. Ladislaus Löb seinen Beitrag in einer Publikation, die von der Gaamaral-Stiftung herausgegeben wurde und in der er auf wenigen Seiten über „Ein erfülltes Leben – den Mördern zum Trotz“ sein Resümee zog. „Mir hatte das Schicksal ein Leben als Waffe gegeben, mit der ich mich gegen meine Todfeinde verteidigen, wenn nicht sogar siegen konnte. Um zu zeigen, was ich mit einem Menschenleben als Waffe meine, setzte ich mich an meinen Computer und schrieb meine Lebensgeschichte nieder.“

 

Zuletzt wohnte er, der gern „Züridütsch“ sprach und sich selber einen „jüdischen Germanisten“ nannte, in einer Wohnung mit einer romantischen Aussicht auf den Üetliberg. Im Oktober 2021 starb Prof. Dr. Ladislaus Löb sel. A. im Alter von 88 Jahren in einem Zürcher Krankenhaus.

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