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NEUENTDECKUNG EINES JIDDISCHEN POETEN

ROMAN „MONTAG“ VON MOYSHE KULBAK ERSTMALS INS DEUTSCHE ÜBERSETZT

Die „Blauen Bücher“ der „Langewiesche Bücherei“ haben Konkurrenz bekommen. Während dort seit 1908 bis heute vor allem Bildbände herausgegeben werden, sind die Bücher des vor genau zehn Jahren gegründeten Berliner Verlages „Edition.FotoTAPETA“, dessen Erkennungsmerkmal ebenfalls die Farbe blau ist, Erzählungen und Romane sowie Essays.

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Ganz in Blau gehalten ist auch der Einband des Romans „Montag“, den ein Foto des Autors Moyshe Kulbak schmückt. Osteuropäische, vor allem jedoch polnische Literatur, will Verleger Andreas Rostek wieder aus der Vergessenheit holen, als „eine Art persönlicher, europäischer Osterweiterung“. Das ist ihm mit dem Werk des jiddischen Dichters Kulbak gelungen. Geboren wurde Moyshe Kulbak 1896 in Smorgon bei Wilna, das lange Zeit zur polnisch-litauischen Staatenunion gehörte. Durch die „Dritte Teilung Polens“ kam es 1795 ins russische Zarenreich. Nur in der kurzen Zeit von 1918-1919 wurde das litauische Gebiet um Wilna eigenständig, dann wurde es von Polen okkupiert und schließlich 1940 von der Sowjetunion als „Litauische Sozialistische Sowjetrepublik“ dem kommunistischen Großreich einverleibt. Erst seit 1990 ist Litauen wieder eine eigenständige Republik. Bis zur Shoa war die Gegend um Wilna ein bedeutendes jüdischen Zentrum. Auch der jiddische Dichter Abraham Sutzkever lebte einige Zeit in Smorgon.

 

Moyshe Kulbak ist heute in Deutschland wenig bekannt, und das obwohl er einige Zeit in Berlin gelebt hatte, wo er für jiddische Theatergruppen tätig war. 1919 kehrte er nach Wilna zurück und wurde einer der Wegbereiter des avantgardistischen jüdischen Schriftsteller- und Künstlerkreises „Yung Vilne“, dem sich auch die Literatengruppe um Chaim Grade und Shmuel Katsherginski anschlossen. Auch einige jiddisch sprechende Maler wurden Mitglieder, Beutsye Mikhton und Rafael Khvoles zum Beispiel oder Rokhl Sutzkever, der Bruder des Poeten Abraham Sutzkever, der um 1930 ebenfalls der Künstlergruppe beitrat und sie später auch leitete.

 

1927 übernahm Moyshe Kulbak den Vorsitz des PEN-Zentrums für jiddische Literatur, übersiedelte jedoch bereits ein Jahr später nach Minsk. Er hoffte in der jungen Sowjetunion auf Anerkennung und einen großen Aufschwung der jiddischen Kultur. Bitter wurde er enttäuscht. 1928 hatte er sich der „Minsker Gruppe“ angeschlossen, die bereits 1936 auf Befehl Stalins aufgelöst wurde. Während einer Probe zu seiner Komödie „Binyomin Magidov“ wurde Kulbak 1937 gemeinsam mit seiner Frau Zhenya verhaftet. In einem Schauprozess wurde ihm vorgeworfen, dass die Form und auch der Inhalt seiner Lyrik, mehr noch, sein gesamtes schriftstellerisches Schaffen nicht den Idealen sozialistischer Literatur entspräche. Moyshe Kulbak kam in ein Arbeitslager nach Sibirien, dort wurde er erschossen.

 

Das Theaterstück gilt heute als verschollen, wenig ist von dem Autor Kulbak bekannt. Deshalb ist es umso begrüßenswerter, dass der Verlag „edition.fotoTAPETA“ nun seinen Roman „Montag“, der 1926 in Warschau in dem damals bedeutendsten jiddischen Kulturinstitut „Kultur-Lige“ herauskam, erneut publizierte. Allerdings nicht mehr in Jiddisch, sondern in der deutschen Übersetzung von Sophie Lichtenstein.

 

Erzählt wird die Geschichte des Hebräischlehrers Mordkhe Markus, der in seiner Dachkammer über Philo­sophie, Messianismus und die Kabbala sinniert, während unten auf der Straße die Revolution wütet. Für Juden wurde die Revolution eine große Enttäuschung, der anfänglichen Begeisterung von Gleichheit und Brüderlichkeit wich bald Furcht. Der Roman erzählt von Pogromen, Vergewaltigungen von jüdischen Frauen durch Angehörige der Roten Armee, und von der Masse der Menschen, die passiv und tatenlos das Geschehen beobachtet, statt sich aktiv dem entgegen zu setzen. Zum Symbol des Buches werden jüdische Krämer, die schlafend vor ihren Läden sitzen und ratlose Juden die sich in den Synagogen versammeln und nur palavern. Der Montag ist der Tag an dem die Juden wieder zur Arbeit gehen und nach dem Schabbat und dem Sonntag, an dem Christen ihre Läden und Betriebe geschlossen halten, jetzt eigentlich wieder aktiv werden. Doch in dem von den Sowjets besetzten Schtetl greift vor allem Furcht und Willkür um sich. Der Roman ist ein beeindruckendes schriftstellerisches Werk, das viel zu lange vergessen war und das zu lesen sich wirklich lohnt. Im Spätherbst dieses Jahres sollen im gleichen Verlag Gedichte von Moyshe Kulbak erscheinen. Man darf auf die Übersetzung ins Deutsche gespannt sein.

Moyshe Kulbak, „Montag“, Übersetzung aus dem Jiddischen, Verlag „edition.fotoTAPETA“, 110 Seiten, Preis: 12,80 Euro [D], 13,20 Euro [A]), CHF 13,80 (Schweiz)

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