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„ANTISEMITISMUS IST EINE GESAMTGESELLSCHAFTLICHE HERAUSFORDERUNG“

IM GESPRÄCH MIT BOTSCHAFTERIN MICHAELA KÜCHLER

Seit 2006 gibt es im Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland einen „Sonderbeauftragten für Beziehungen zu jüdischen Organisationen, Antisemitismus und Antiziganismus“. Zuletzt, bis Mai 2018, arbeitete Dr. Felix Klein im Rang eines Botschafters in diesem Amt bis er die neue Stelle des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung antrat. Seine Nachfolgerin wurde Michaela Küchler.

Michaela Kücher, Auswärtiges Amt, Sonderbeauftragte für Beziehungen zu jüdischen Organisationen, Antisemitismus und Antiziganismus
Botschafterin Michaela Küchler. Foto A. Beygang

Seit August 2018 sind nun Sie, sehr geehrte Botschafterin Michaela Küchler, Sonderbeauftragte für Beziehungen zu jüdischen Organisationen, Antisemitismus und Antiziganismus im Auswärtigen Amt. In welcher Position haben Sie davor gearbeitet?

 

Ich war Referatsleiterin für die Beziehungen zu unseren westlichen Nachbarn Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Luxemburg und Monaco. In meiner jetzigen Position arbeite ich eng mit internationalen Organisationen im Bereich der Antisemitismusbekämpfung und der Holocaust-Erinnerung zusammen. So stehe ich zum Beispiel in einem ständigen Kontakt mit dem in Berlin angesiedelten Sekretariat der IHRA, der „International Holocaust Remembrance Alliance“ (Internationale Allianz zum Holocaustgedenken) und ihren Mitgliedsstaaten.

 

Die IHRA wurde im Jahr 2000 als internationale Organisation gegründet, um die Erinnerung an die Schoa wachzuhalten und Holocaust-Erziehung weltweit zu fördern. Durch die Herausarbeitung und Analyse der vielfältigen Facetten des Antisemitismus hat sie vor allem eine große Bedeutung für den Bildungsbereich. Als 2017 die Schweiz den Vorsitz inne hatte, wurden verschiedene Übersetzungen gefördert, zum Beispiel die „Memoiren von Holocaust-Überlebenden“ auf Französisch und Italienisch, aber auch Publikationen über mutige Menschen, die Juden in der NS-Zeit retteten, wie der bisher relativ unbekannte Carl Lutz in Budapest.

 

Der Vorsitz erfolgt nach dem Rotationsprinzip durch die nationalen Regierungen und wechselt jährlich. 2020 wird Deutschland den Vorsitz übernehmen.

 

Neu war damals die Einführung einer Bildungs-App die sich speziell an Jugendliche richtet. Aber auch Lehrer können dank der neuen Medien und deren Interaktionsmöglichkeiten im Unterricht die Schüler besser über die entsetzlichen Ereignisse während des Holocaust informieren.

 

Für Antisemitismus darf es keinen Platz geben, weder in Deutschland, noch an anderen Orten der Welt. Deshalb unterstützen wir länderübergreifende Bildung auf diesem Gebiet. Die IHRA hat 2016 eine Definition von Antisemitismus angenommen, die mittlerweile von 15 Staaten, auch von Deutschland, anerkannt wurde. Während unserer Präsidentschaft 2020 wollen wir darauf hinwirken, dass nach Möglichkeit alle 32 Staaten, die der IHRA angehören, dieser Definition folgen.

 

Kürzlich gab die OSZE unter dem Motto „Taten statt Worte“ einen Leitfaden für die politische Bildungsarbeit über Antisemitismus für ihre Mitgliedsstaaten heraus, der zusammen mit dem Büro für Demokratische Institutionen und Menschenrechte (ODIHR) der OSZE erarbeitet wurde.

 

Alle 57 OSZE-Mitgliedsstaaten wurden zum verstärkten Kampf gegen Antisemitismus und antisemitisch motivierte Hassverbrechen aufgerufen. Wir stellen fest, dass in den einzelnen Ländern Unterricht über den Holocaust und die Aufklärung darüber unterschiedlich sind. Dazu liefert die Handreichung der OSZE einen wichtigen Beitrag.

 

Um Antisemitismus und seine Auswirkungen zu bekämpfen, muss man ihn zuerst in all seinen Facetten erkennen. Hier leistet die Kreuzberger Initiative vorbildliche Arbeit, auch indem sie regionale Fortbildungen und Fachtagungen organisiert, wie zum Beispiel im Februar dieses Jahres im Jüdischen Museum, in denen neue und innovative Ansätze für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit entwickelt wird.

 

Antisemitismus ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Verbale und gewaltsame Übergriffe auf jüdische Menschen richten sich auch immer gegen die freie demokratische Gesellschaft, in allen Ländern. Deshalb arbeitet der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Dr. Felix Klein, mit fast allen jüdischen Institutionen und Verbänden, die in Deutschland einen Sitz haben, zusammen. Im Auswärtigen Amt liegt der Schwerpunkt hingegen auf der internationalen Zusammenarbeit, also der Austausch mit europäischen und US-amerikanischen NGOs. Auch stehe ich in engem Austausch mit der Antisemitismusbeauftragten der EU-Kommission in Brüssel.

 

Kürzlich besuchten Sie gemeinsam mit dem Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster in Paris Francis Kalifat, den Präsidenten des CRIF, dem Dachverband jüdischer Organisationen in Frankreich. Bei dem Treffen waren auch der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung sowie der französische Sonderbotschafter François Croquette dabei, der sich im Auftrag des französischen Außenministeriums für die Menschenrechte und die Bekämpfung des internationalen Antisemitismus einsetzt sowie der Antisemitismus-Beauftragte der französischen Regierung Frédéric Potier.

 

Diese „Deutsch-französischen Antisemitismus-Konsultationen“ fanden dieses Jahr zum ersten Mal in dieser Form statt. Wir möchten sie zu einem regelmäßigen Bestandteil unserer deutsch-französischen Zusammenarbeit machen. Sie bieten eine Gelegenheit, voneinander zu lernen und gegebenfalls gemeinsam Maßnahmen gegen Antisemitmus zu entwickeln. Dabei denke ich vor allem an den wachsenden Antisemitismus im Internet oder etwa den Umgang mit der BDS-Bewegung. Im Herbst wollen wir in Berlin den zweiten Durchgang der deutsch-französischen, aber auch der deutsch-israelischen Antisemitismus-Konsultationen abhalten.

 

Was wird der Inhalt dieser Konsultationen sein?

 

Die Tagesordnung stimmen wir derzeit mit unseren Partnern ab. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass ein Thema die Entwicklung von Lehrmaterialien für den Unterricht mit Schülerinnen und Schülern aus verschiedenen Herkunftsländern sein könnte. Auch die Bekämpfung von sog. Hate speech im Internet halte ich für ein mögliches und wichtiges Thema.

 

In unserer vorigen Ausgabe berichtete das „Jüdische Europa“ über die Eröffnung der neuen Synagoge in Kaliningrad, zu der Sie ebenfalls anreisten.

 

Während der Novemberpogrome 1938 wurde die alte Synagoge von deutschen Nationalsozialisten zerstört. Die Verantwortung, die für Deutschland erwächst, zeigt sich auch darin, dass wir uns bei der Einrichtung der wiederaufgebauten Synagoge engagieren. Zum Beispiel wollen wir helfen, die Bibliothek aufzubauen.

 

In Deutschland wie in anderen Ländern engagieren Sie sich auch für weitere jüdische Einrichtungen und für den Erhalt von Orten des Holocaust.

 

Das betrifft die Pflege jüdischer Friedhöfe in der Ukraine ebenso wie die Erinnerung an den Holocaust, die aus dem Gedächtnis nicht verschwinden darf. Vor allem die Jugend muss wissen, was in Auschwitz und in anderen Vernichtungslagern geschah, um eine erlebte Erinnerungskultur zu ermöglichen. Deshalb hat Außenminister Maas kürzlich gemeinsam mit Familienministerin Giffey das Programm „Jugend erinnert“ vorgestellt. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wird damit seine Fahrten zu den historischen Orten, vor allem auch zu den weniger bekannten Konzentrationslagern, ausweiten können. Das Auswärtige Amt wird in Zusammenarbeit mit der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft bi- und trilaterale Begegnungen in Gedenkstätten und gemeinsame Projekte zur Aufarbeitung von Geschichte und Erinnerung mit Jugendlichen aus Deutschland, Israel und aus osteuropäischen Ländern fördern. Wir wollen auch umfassende neue, vor allem digitale Zugänge zu historischen Informationen und Zeugnissen der Überlebenden erschließen und erproben. Gedenkstätten, internationaler Austausch und digital erlebbare Erinnerung bilden die Grundlage für die Fragestellungen von heute. An welchen Zeichen der Zeit kann man neuen Antisemitismus und Fremdenhass erkennen, um dagegen präventive Maßnahmen zu ergreifen? Wir müssen die Bedrohungslage ernst nehmen, bei uns und in anderen Teilen der Welt und zielgerichtet dagegen vorgehen. Gerade der Bildungsbereich hat hierbei eine große Bedeutung.

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