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FÜR ERINNERUNG – GEGEN GESCHICHTSREVISION

EIN BUCH VON BÄRBEL SCHÄFER UND EVA SZEPESI

Die biologische Uhr tickt. Die Anzahl der noch lebenden Zeitzeugen, die authentisch von ihren schrecklichen Erfahrungen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nationalsozialisten berichten können, schrumpft. Lebensbeschreibungen werden wichtige Dokumente gegen Geschichtsrevision und den Versuch die Verbrechen der NS-Zeit zu relativieren.

Bärbel Schäfer, Eva Szepesi, Meine Nachmittage mit Eva - Über Leben nach Auschwitz
Eva Szepesi und Bärbel Schäfer präsentieren in einer Buchhandlung gemeinsam ihr neues Buch.                             Foto A. Canem

„Das Erinnern und das kollektive Gedächtnis wird neue Formen und Erzählweisen brauchen, auch weil Menschen aus anderen Ländern nach Deutschland gekommen sind und deren Familien mit der Geschichte des Dritten Reiches nichts zu tun hatten. Einwanderer und Flüchtlinge werden sich als deutsche Staatsbürger mit Hitler und dem Dritten Reich auseinandersetzen müssen“, schreibt Bärbel Schäfer in ihrem neuen Buch „Meine Nachmittage mit Eva – Über Leben nach Auschwitz“. Mit der Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft, betont Schäfer weiter, muss jeder wissen, dass „zur deutschen Kultur einerseits Goethe, Schiller, Bach und Beethoven gehören, andererseits aber auch Hitler, Himmler und Göring.“

 

Viele Memoiren wurden inzwischen von Holocaust-Überlebenden geschrieben und jedes Werk hat dabei eine ganz persönliche Note. Dieses Buch jedoch ist anders und dadurch etwas wirklich Besonderes. Denn hier wird nicht nur die Lebensgeschichte der Auschwitzüberlebenden Eva Szepesi erzählt, sondern Bärbel Schäfer, die im Erwachsenenalter zum Judentum übertrat, beschreibt auch ihre ganz persönlichen Erinnerungen und Beobachtungen. Über die nationalsozialistische Zeit – vom Schweigen in ihrer Familie berichtet sie, von Eltern und Großeltern, die Legenden erzählen um ihre Vergangenheit zu verwischen. Waren sie Nazis? Wieso wollten sie von der Judenverfolgung nichts gesehen und nichts gewusst haben? Warum werden sie wütend und abwehrend wenn Bärbel sie danach fragt? Was erlebten ihr Großonkel und die Söhne der Urgroßeltern, die als Wehrmachtsoldaten in Russland waren? Hatten sie an Judenerschießungen an der Ostfront teilgenommen oder verzichteten sie auf einen Schuss und steckten einem hungernden Kind heimlich etwas Brot zu? „Alles war möglich“, schreibt Schäfer. Über den Krieg wurde nie gesprochen. „Ein weißer Fleck voller dunkler Schatten“.

 

In vielen nichtjüdischen deutschen Familien wird bis zum heutigen Tag darüber geschwiegen. Doch gerade dieses Verschweigen, Vertuschen und bewusste Verschleiern ist der Nährboden für rechtsradikale Geschichtsfälschung, die bis zur Leugnung der Konzentrationslager geht. Auschwitz habe es nie gegeben. Dagegen steht die Lebensgeschichte von Eva Szepesi, die mit 11 Jahren nach Auschwitz deportiert wurde und auf deren Unterarm eine Nummer eintätowiert ist.

 

Viele Nachmittage hat Journalistin Bärbel Schäfer, die mit einem jüdischen Mann verheiratet ist, selber aber, wie sie schreibt, nicht gläubig ist, auch milchig nicht von fleischig trennt und dennoch ihre beiden Söhne zu selbstbewußten Juden erzieht, die 85-jährige ungarische Jüdin Eva Szepesi in ihrer Wohnung besucht und viele Gespräche mit ihr geführt. Der Leser erfährt von einem liebevollen Zuhause, von der fürsorglichen Mutter, nach der sich Eva ein Leben lang sehnt, von dem kleinen Bruder, der vergast wurde und nach dem die Schwester Jahrzehnte lang vergeblich fahndet. Erst als sie gemeinsam mit ihrer Enkelin den Ort des Schreckens besucht, entdecken beide, fast zufällig den akribisch genauen Eintrag eines SS-Schreibers. Mutter und Bruder wurden in Auschwitz-Birkenau ermordet. Erst spät begann Eva Szepesi ihren Kindern und auch der Gesellschaft zu erzählen. Sie geht in die Schulklassen, berichtet von ihren qualvollen Erlebnissen immer den Tod vor Augen, von ihrer Angst und Ohnmacht, spricht darüber in Rundfunk- und Fernsehsendungen oder auf Veranstaltungen und Diskussionen. Eva Szepesi tritt gegen das Vergessen auf, auch in diesem Buch, und kämpft damit gemeinsam mit Bärbel Schäfer gegen den neuen Populismus, der einen Schlussstrich unter der historischen Vergangenheit ziehen will. Nur nicht mehr daran erinnern! Bärbel Schäfers Werk ist ein wichtiges Buch, dazu sehr leserlich in einer leicht verständlichen Sprache verfasst, beiläufig, beinahe wie im Plauderton. Und doch regt es zum Nachdenken an – über die Vergangenheit und über die Gegenwart. Es fordert zum Handeln auf, gegen das Vergessen, gegen das Schweigen und gegen das kollektive Leugnen, gegen den neuen Antisemitismus, gegen Ausländerhass und Gewalt. „Warum“, fragt Bärbel Schäfer in dem Buch, „fahren nicht alle Schulklassen“ nach Auschwitz oder besuchen andere Konzentrations- und Vernichtungslager, um am authentischen Ort zu sehen und „zu lernen, wohin Ausgrenzung führen kann.“

Bärbel Schäfer „Meine Nachmittage mit Eva – Über Leben nach Auschwitz“, Gütersloher Verlagshaus, 224 Seiten, Preis: 19,99 € [D], 20,60 € [A], CHF 26,90 (Schweiz).

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