NACH MEHR ALS 80 JAHREN

ROMAN VON VLADIMIR JABOTINSKY „RICHTER UND NARR“ WIEDER GEDRUCKT

Es gibt Bücher, die große jüdische Literatur sind. Vladimir Jabotinskys Roman „Richter und Narr“ ist eines von ihnen. Nicht nur, weil der Autor ein Jude war, der das Thema aus der Bibel entnahm, sondern weil hier ein tief in der zionistischen Idee verwurzelter Schriftsteller sich mit den Schwierigkeiten des vertriebenen, heimatlosen jüdischen Volkes auseinandersetzt und der Notwendigkeit, endlich einen eigenen Staat zu gründen. Diese Gedanken verkündet Jabotinsky in einem literarischen Meisterwerk, das allgemeingültig durchaus auch die Situation anderer vertriebener Völker widerspiegelt.

 

„Richter und Narr“ erschien 1926 in Odessa auf Russisch unter dem Titel „Samson Nazorej“ und im gleichen Jahr auch in Paris. Ins Deutsche übersetzt wurde der Roman 1928, jetzt unter dem Titel „Richter und Narr“. Überall wurde das Buch, an dem Jabotinsky acht Jahre lang gearbeitet hatte, ein großer Erfolg. „Was er geschaffen hat, ist eine Vision der Rettung des jüdischen Volkes“, urteilte der bekannte jüdische Schriftsteller Chaim Nachman Bialik. 1930 erschien das Buch erneut in Deutschland, diesmal unter dem Titel „Philister über dir, Simson“. Die Nationalsozialisten setzten das Werk dann sofort auf den Index und auch in der Sowjetunion wurden unter Stalin Jabotinskys Werke verfemt. Selbst in Israel war der Autor lange Zeit umstritten. Der 1880 in Odessa geborene Jabotinsky, der Theodor Herzl verehrte, gehört zu den Gründungsvätern der zionistischen Bewegung in Russland. In den Folgejahren bildete er zusammen mit Joseph Trumpeldor die „Jüdische Legion“, die sich der britischen Armee anschloss um Eretz Israel von der türkischen Fremdherrschaft zu befreien. Später rief er die Welt-Union der Zionistischen Revisionisten“ sowie die Jugendbewegung „Betar“ mit ins Leben. Er überwarf sich mit David Ben-Gurion und Chaim Weizmann. Als nicht realisierbar lehnten sie die Forderung von Jabotinsky und seinen Anhängern ab, die mittels Gewalt und Terror die Gründung eines jüdischen Staat erzwingen wollten. Jabotinsky starb 1940 in den USA an einem Herzinfarkt, als er dort die jüdische Jugend für eine jüdische Armee in Eretz Israel begeistern und anwerben wollte.

 

Erst 24 Jahre später wurden Jabotinskys sterbliche Überreste nach Israel überführt und am Herzlberg in Jerusalem beigesetzt. Ben-Zion Netanjahu, der Vater des jetzigen israelischen Ministerpräsidenten war überzeugter Anhänger von Vladimir Jabotinsky und in den 30er Jahren sogar sein Privatsekretär. Auch Menachem Begin und Jitzhak Schamir gehörten zu den Bewunderern Jabotinskys und dessen Theorie eines nationalistischen Zionismus.

 

In Europa und ganz besonders in Deutschland blieb Vladimir Jabotinsky als Schriftsteller vergessen. Es mussten erst mehr als 80 Jahre vergehen, bis ein deutscher Verlag den Autor wieder entdeckte. „Die Andere Bibliothek“, ein Tochterunternehmen des „Aufbau-Verlages“, gab nun seinen Roman „Richter und Narr“ heraus, orientierte sich dabei jedoch nicht an den deutschen Ausgaben von 1928 und 1930, sondern ließ das Werk von Ganna-Maria Braungardt aus dem Russischen erneut übersetzen.

 

Das Thema hat Jabotisnky zwar aus der Bibel entlehnt, doch gibt es nur wenige Zusammenhänge. Simson ist hier ein starker Mann aus dem Stamm der Daniter, dessen Siedlungsgebiet wie auch das anderer israelitischer Stämme, von den Philistern erobert worden war. Wie so oft in der Diaspora, bewundert auch der Held Simson die Kultur der Eroberer. Er feiert und trinkt mit der Jugend und merkt nicht, dass er sich dabei vor ihnen doch nur zum Narren macht.

 

Karni, das jüdische Mädchen, verschmäht er und heiratet die Philisterin Semadar. Auf der Hochzeit bemerkt er zum ersten Mal, dass er in den Augen der Philister kein Gleicher ist. Er und seine Freunde werden gedemütigt und beleidigt. Ernüchtert verlässt Simson das Fest und seine Braut. Nun wendet er sich den jüdischen Stämmen wieder zu und wird als Richter ein geachteter politischer Anführer. Doch die Eroberer „hatten ihnen ihr Land, ihre Sprache, ihre Bräuche, ihre Künste“ genommen, schreibt Jabotinsky, und „schließlich auch den Willen, auf ihre Art zu leben.“ Assoziationen zur Ablehnung vieler europäischer Juden gegen zionistische Ideen sind vom Autor gewollt. Wie Simson streiten die Zionisten einerseits gegen den innerjüdischen Widerstand und für ein neues jüdisches Selbstbewusstsein, mit dem Ziel einen eigenen Staat zu gründen. Simson, der Held, kämpft mal als Anführer einer kleinen Gruppe mit der Waffe in der Hand gegen die Okkupanten, dann wieder ist er ein kluger Ratgeber, der das große Ziel im Blick hat. Doch er ist ein zwiegespaltener Mensch, den es immer wieder zu den Frauen der Philister zieht. Delia, seine Geliebte, verrät ihn an die Soldaten, die ihn gefangen nehmen und ihm seine Sehkraft rauben. Beim Erntefest lockert der blinde Simson die Balken des Tempels, in dem die Philister feiern. Alles stürzt zusammen und die Decke begräbt viele Tote. Auch Simson stirbt. Rechtzeitig konnte er jedoch noch einem Mitstreiter, den er fortschickte, eine Anweisung auf dem Weg geben. Die vereinigten jüdischen Stämme sollen „Eisen horten, sie sollen einen König wählen und sie sollen lachen lernen“.

 

Längst ist der Roman mit seiner Vielschichtigkeit nicht nur ein Klassiker der israelischen, sondern auch der Weltliteratur geworden. Es ist das Werk eines großartigen Schriftstellers und Poeten, der sein ganzes Leben dem Entstehen eines jüdischen Staates widmete, als Literat, als Kämpfer wie als Propagandist.

 

Vladimir Jabotinsky „Richter und Narr“ – Aufbau-Verlag „Die Andere Bibliothek“- 382 Seiten, ISBN: 9783847730019 , Preis: 22, 00 Euro (Deutschland), 22,70 Euro (Österreich), 31,50 CHF (Schweiz).

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