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THESSALONIKI

EINE WAHRHEIT, DIE IMMER AUF IHRE ENTSCHLÜSSELUNG WARTET?

Thessaloniki, Weißer Turm, Judentum, Yiannis Boutaris, David Saltiel
Der jüdische Friedhof liegt versteckt in den sanften Hügeln des Campus der Aristoteles-Universität in Tessaloniki.

Erholsam wie ein ruhiger Kurpark umschließt der Campus die Aristoteles-Universität in Thessaloniki. Den Menschen, die hier begraben lagen, wurde keine Ruhe gegönnt – auch nicht im Tod. Es müssen 300.000 Gräber sein, andere Quellen sprechen von 400.000, die hier geschändet wurden: Grabsteine und Stelen, Monumente und Erinnerungen wurden zerstört oder als Baumaterial missbraucht. Keine Aufzeichnungen gibt es, keine Dokumentation des destruktiven Judenhasses deutscher Besatzer, kein Protokoll griechischer Behörden über die als Baumaterial entehrten Steine. Und so wurde in böser Intention und in passiver Gleichgültigkeit das historische Band zerrissen zwischen den wenigen überlebenden Sepharden und ihrer Jahrhunderte alten Tradition. Irgendwo in den sanften Hügeln des Campus gibt es eine Gedenkstätte: selber mussten wir sie finden – geläufig ist sie niemandem. Thessaloniki, Madre de Israel, das Jerusalem des Balkan…. die Geschichte des Friedhofes ist nur eine der traurigen Geschichten einer Stadt, die sich zögernd, verhalten, aber jetzt doch ihrer großen jüdischen Vergangenheit stellt.

 

Eine kleine Delegation war es, die sich auf Initiative des griechischen Generalkonsulates in Frankfurt und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft zur Spurensuche begab – eine Suche, die vieles zutage brachte und zur Begegnung mit den zwei Schlüsselfiguren der Erinnerungskultur führte. David Saltiel, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Thessaloniki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinden in Griechenland – ein Mann von unerbittlicher Dynamik und unwiderstehlichem Charme, ein attraktiver Patriarch, der Alexis Sorbas der Sepharden und sein Konterpart, der schmale, mit leiser Stimme sprechende Bürgermeister, der eigentlich lieber Winzer geblieben wäre, der mit Tattoos und Armbändchen verblüffende 72-jährige, der seine Überzeugung lebt.

 

Diese beiden Männer sind entschlossen, die sephardische Geschichte der Stadt in das öffentliche Bewusstsein zu holen – und begegnet man beiden, möchte man glauben, dass es gelingt.

 

Am 9. April 1941 besetzte die Wehrmacht Thessaloniki, die Stadt, in der 50.000 Juden lebten. Heute sind es 1.000. Der junge Mann, der uns in der Monastiriotes Synagoge führt, schweigt minutenlang bei der Frage, ob es antisemitische Zwischenfälle gebe. Und antwortet mit gepresster Stimme, hilflos: „Wir sind doch Griechen!“ Das dachten auch 9.000 jüdische Männer bis acht Uhr am Morgen des 9. Juni 1942. Am Freiheitsplatz mussten sie sich aufstellen, wurden beschämt, verhöhnt, zu gymnastischen Übungen gezwungen. Ja, es gibt einen Gedenkort am Freiheitsplatz und an der oberen Begrenzung des Platzes auch eine erläuternde Tafel. Aber wie geht Erinnern, wie funktioniert Innehalten auf einem – Parkplatz?

 

Der 31. Januar dieses Jahres war ein wichtiger Tag – zumindest für den israelischen Staatspräsidenten Reuven Rivlin, den griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras, den deutschen Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Michael Roth, Thessalonikis Bürgermeister Yiannis Boutaris und den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde David Saltiel. Letzterer erhielt das Verdienstkreuz für seine Bemühungen um ein Holocaust-Museum in Thessaloniki. Ein Holocaust Museum, oder ein Museum der jüdischen Geschichte der Stadt?

 

Das scheint unklar, obzwar man uns im Rathaus fertige Pläne präsentiert. Vom Weißen Turm, dem unverwechselbaren Wahrzeichen der Stadt, schmiegt sich das Meer in die Bucht, an deren nördlich gelegenen Ufer das Museum entstehen soll – als architektonischer Counterpart und sichtbarer Zeuge jüdischer Vergangenheit der Stadt. Der Grundstein für das Museum wurde an eben jenem Tag der Ordensverleihung gelegt. Zwei Tage zuvor hielt Yiannis Boutaris eine erschütternde Rede. Sie endete: „Der einzige Weg, sich dem Holocaust zu stellen, ist zu akzeptieren, dass er immer ein Teil von uns Thessalonicher, Griechen und Europäern sein wird: eine zerrissene Seite, geschrieben in einer unbekannten Schrift, eine Wahrheit, die immer auf ihre Entschlüsselung wartet.“ 

Thessaloniki, Weißer Turm, Judentum, Yiannis Boutaris, David Saltiel
DIG-Mitglieder vor dem „Weißen Turm“, Tessalonikis Wahrzeichen.      Fotos: Korenke/DIG

 

Am 9. April 1941 besetzte die Wehrmacht Thessaloniki, die Stadt, in der 50.000 Juden lebten. Heute sind es 1.000. Der junge Mann, der uns in der Monastiriotes Synagoge führt, schweigt minutenlang bei der Frage, ob es antisemitische Zwischenfälle gebe. Und antwortet mit gepresster Stimme, hilflos: „Wir sind doch Griechen!“ Das dachten auch 9.000 jüdische Männer bis acht Uhr am Morgen des 9. Juni 1942. Am Freiheitsplatz mussten sie sich aufstellen, wurden beschämt, verhöhnt, zu gymnastischen Übungen gezwungen. Ja, es gibt einen Gedenkort am Freiheitsplatz und an der oberen Begrenzung des Platzes auch eine erläuternde Tafel. Aber wie geht Erinnern, wie funktioniert Innehalten auf einem – Parkplatz?

 

Der 31. Januar dieses Jahres war ein wichtiger Tag – zumindest für den israelischen Staatspräsidenten Reuven Rivlin, den griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras, den deutschen Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Michael Roth, Thessalonikis Bürgermeister Yiannis Boutaris und den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde David Saltiel. Letzterer erhielt das Verdienstkreuz für seine Bemühungen um ein Holocaust-Museum in Thessaloniki. Ein Holocaust Museum, oder ein Museum der jüdischen Geschichte der Stadt?

 

Das scheint unklar, obzwar man uns im Rathaus fertige Pläne präsentiert. Vom Weißen Turm, dem unverwechselbaren Wahrzeichen der Stadt, schmiegt sich das Meer in die Bucht, an deren nördlich gelegenen Ufer das Museum entstehen soll – als architektonischer Counterpart und sichtbarer Zeuge jüdischer Vergangenheit der Stadt. Der Grundstein für das Museum wurde an eben jenem Tag der Ordensverleihung gelegt. Zwei Tage zuvor hielt Yiannis Boutaris eine erschütternde Rede. Sie endete: „Der einzige Weg, sich dem Holocaust zu stellen, ist zu akzeptieren, dass er immer ein Teil von uns Thessalonicher, Griechen und Europäern sein wird: eine zerrissene Seite, geschrieben in einer unbekannten Schrift, eine Wahrheit, die immer auf ihre Entschlüsselung wartet.“ 

Claudia Korenke. (Die Autorin ist Vizepräsidentin der Deutsch-Israelischen Gesellschaft)

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